Was, wenn du die Welt gar nicht so wahrnimmst, wie sie ist, sondern so, wie dein Gehirn sie erwartet?
Klingt seltsam, oder?
Dahinter steckt ein spannendes Konzept aus den Neurowissenschaften: Predictive Processing.
Unser Gehirn nimmt nämlich nicht einfach nur Informationen auf, die unsere Augen, Ohren und andere Sinnesorgane liefern. Es versucht ständig vorherzusagen, was als Nächstes passieren wird.
Und dafür greift es auf etwas zurück, das uns allen zur Verfügung steht: unsere bisherigen Erfahrungen.
Unser Gehirn ist eine Vorhersagemaschine
Lange Zeit stellte man sich Wahrnehmung vereinfacht so vor: Unsere Sinnesorgane nehmen Informationen aus der Umwelt auf, leiten sie an das Gehirn weiter und dieses verarbeitet sie.
Predictive Processing erweitert dieses Bild.
Unser Gehirn wartet nicht einfach darauf, was passiert. Es erstellt fortlaufend Vorhersagen darüber, was es wahrscheinlich sehen, hören oder fühlen wird. Diese Erwartungen werden mit den tatsächlich eintreffenden Sinnesinformationen abgeglichen.Stimmen sie überein, bestätigt das unsere bisherige Erwartung. Stimmen sie nicht überein, entsteht ein sogenannter Vorhersagefehler (Prediction Error). Dieser kann dazu beitragen, dass unser Gehirn seine bisherigen Annahmen anpasst.
Unsere Wahrnehmung entsteht also aus dem Zusammenspiel zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was tatsächlich passiert.
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag
Stell dir vor, du gehst durch einen dunklen Wald. Plötzlich liegt etwas Langes vor dir am Boden. Noch bevor du genauer hingesehen hast, erschrickst du. Dein Herz schlägt schneller, deine Muskeln spannen sich an. Eine Schlange?
Du schaust genauer hin und erkennst einen Ast. Dein Gehirn hat aufgrund der Situation eine mögliche Gefahr vorhergesagt und deinen Körper darauf vorbereitet. Erst durch die zusätzlichen Informationen wird diese Erwartung korrigiert.
Das Spannende daran ist, dass dein Körper möglicherweise bereits reagiert hat, bevor du überhaupt bewusst erkannt hast, was vor dir liegt.
Was haben unsere Erfahrungen damit zu tun?
Jetzt wird es besonders interessant.
Denn unsere Erwartungen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie werden unter anderem durch das geprägt, was wir bisher erlebt und gelernt haben.
Nehmen wir an, du hast im Laufe deines Lebens gelernt, dass Schweigen bedeutet, dass jemand böse auf dich ist. Vielleicht hast du als Kind erlebt, dass mit dir nicht gesprochen wurde, wenn jemand enttäuscht oder verärgert war. Heute sitzt du neben deinem Partner. Er spricht wenig, weil er einen anstrengenden Tag hatte. Doch in dir entsteht plötzlich Unruhe.
Habe ich etwas falsch gemacht? Ist er böse auf mich? Stimmt etwas nicht?
Du beginnst nachzufragen, wirst vielleicht unsicher oder versuchst, seine Stimmung zu verbessern. Dabei hat sein Schweigen überhaupt nichts mit dir zu tun.
Du reagierst in diesem Moment nicht nur auf das, was passiert, sondern auch auf das, was du aufgrund deiner bisherigen Erfahrungen erwartest, also auf die Vergangenheit. Es zeigt, wie eng Erfahrungen, Interpretation und Wahrnehmung miteinander verbunden sein können.
Sehen wir manchmal vor allem das, was wir erwarten?
Kennst du das?
Du bist überzeugt, dass dich jemand nicht mag. Diese Person grüßt dich eines Morgens nicht. "Na bitte, hab ich’s doch gewusst!" Dass sie vielleicht in Gedanken war oder dich gar nicht gesehen hat, kommt dir in diesem Moment möglicherweise nicht in den Sinn. Hier spielen Erwartungen, Aufmerksamkeit und unsere Interpretation einer Situation zusammen.
Was zu unserer bisherigen Überzeugung passt, fällt uns unter Umständen besonders auf. Informationen, die dagegen sprechen, können leichter untergehen.
In der Psychologie gibt es dafür auch andere Erklärungsansätze, beispielsweise den Bestätigungsfehler (Confirmation Bias). Predictive Processing ist damit nicht gleichzusetzen. Es beschreibt grundlegender, wie Vorhersagen und Sinnesinformationen in der Wahrnehmung zusammenspielen. Beide Ansätze machen aber deutlich, warum unsere persönliche Wahrnehmung nicht immer ein neutrales Abbild der Wirklichkeit ist.
Und was hat unser Körper damit zu tun?
Unsere Erfahrungen beeinflussen nicht nur unsere Gedanken. Auch körperliche Reaktionen können durch Erwartungen mitgeprägt werden. Wer beispielsweise wiederholt Schmerzen bei einer bestimmten Bewegung erlebt hat, kann bereits vor der nächsten Bewegung Anspannung oder die Erwartung erneuter Schmerzen entwickeln.
In der Schmerzforschung ist bekannt, dass Erwartungen das Schmerzerleben beeinflussen können. Dabei ist wichtig: Schmerz ist real aber subjektiv. Er kann durch körperliche, neurologische, psychische und soziale Faktoren beeinflusst werden. Predictive Processing bietet einen möglichen theoretischen Rahmen, um dieses Zusammenspiel besser zu verstehen. Auch in emotional belastenden Situationen können Erwartungen und körperliche Reaktionen eng miteinander verbunden sein.
Vielleicht weißt du längst, dass du Nein sagen darfst. Trotzdem bekommst du Herzklopfen, sobald du eine Grenze setzen möchtest. Dein Verstand sagt: "Ich darf das." Deine bisherige Erfahrung lässt dich erwarten: "Dann werde ich abgelehnt." Und schon entsteht ein innerer Konflikt.
Wenn Verstehen allein nicht reicht
Genau hier liegt für mich eine der spannendsten Verbindungen zwischen den Neurowissenschaften und der persönlichen Entwicklung. Wir können etwas verstanden haben und trotzdem weiterhin auf vertraute Weise reagieren. Wir wissen vielleicht, dass wir nicht jedem gefallen müssen, dass wir Grenzen setzen dürfen oder dass wir nicht für die Gefühle anderer verantwortlich sind. Und dennoch fällt es uns schwer, entsprechend zu handeln.
Warum?
Weil eine bewusste Erkenntnis nicht automatisch jede erlernte Erwartung oder körperliche Reaktion verändert. Aber unser Gehirn ist lernfähig. Neue Erfahrungen können dazu beitragen, bisherige Erwartungen zu überprüfen und zu verändern. Vielleicht sagst du zum ersten Mal bewusst Nein und stellst fest, dass die befürchtete Ablehnung ausbleibt. Oder jemand ist tatsächlich enttäuscht und du erlebst, dass du damit umgehen kannst, ohne deine Entscheidung zurückzunehmen. Auch das ist eine neue Erfahrung.
Es geht also nicht immer darum, dass das Befürchtete niemals eintritt, sondern darum, zu erfahren, dass wir andere Möglichkeiten haben, damit umzugehen.
Was bedeutet das für Veränderung?
Wenn unsere bisherigen Erfahrungen unsere Erwartungen beeinflussen, stellt sich eine spannende Frage:
Können neue Erfahrungen auch verändern, wie wir uns selbst und unsere Umwelt wahrnehmen?
Lernen und Veränderung beruhen unter anderem darauf, dass unser Gehirn neue Informationen verarbeitet und bisherige Annahmen anpassen kann. Genau deshalb finde ich es interessant, persönliche Entwicklung nicht ausschließlich über das bewusste Verstehen zu betrachten. Unser Erleben, unser Verhalten, unsere Körperwahrnehmung und unsere emotionalen Erfahrungen spielen eine Rolle.
In der ressourcenorientierten Begleitung können beispielsweise innere Bilder, Selbstreflexion, Entspannung und neue Handlungsmöglichkeiten genutzt werden, um Menschen dabei zu unterstützen, andere Perspektiven und Erfahrungen zu entwickeln. Predictive Processing liefert dafür ein interessantes Erklärungsmodell.
Was ich dir zum Schluss mitgeben möchte
Nicht jede Unsicherheit ist ein Zeichen dafür, dass du tatsächlich unsicher sein musst. Nicht jede erwartete Ablehnung ist eine Ablehnung, die wirklich stattfinden wird. Sicher sind manche Grenzen, die du heute noch wahrnimmst, auch durch Erfahrungen geprägt, die längst nicht mehr deiner gegenwärtigen Lebenssituation entsprechen. Das bedeutet nicht, dass wir uns unsere Wirklichkeit einfach aussuchen können, aber wir können neugierig werden, unsere Erwartungen hinterfragen und neue Erfahrungen ermöglichen. Denn nur weil etwas bisher immer so war, muss es nicht immer so bleiben.
Vielleicht zeigt dir dein Gehirn manchmal nicht, was passieren wird, sondern was es aufgrund deiner Vergangenheit für wahrscheinlich hält.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo du bereit bist, eine neue Erfahrung zu machen.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
Clark, A. (2013). Whatever next? Predictive brains, situated agents, and the future of cognitive science. Behavioral and Brain Sciences, 36(3), 181–204. DOI: 10.1017/S0140525X12000477
Summerfield, C. & de Lange, F. P. (2014). Expectation in perceptual decision making: Neural and computational mechanisms. Nature Reviews Neuroscience, 15, 745–756. DOI: 10.1038/nrn3838
Powers, A. R., Mathys, C. & Corlett, P. R. (2017). Pavlovian conditioning-induced hallucinations result from overweighting of perceptual priors. Science, 357(6351), 596–600. DOI: 10.1126/science.aan3458
Wissenschaftliche Einordnung: Predictive Processing ist ein einflussreiches neurowissenschaftliches Erklärungsmodell. Zahlreiche Befunde unterstützen die Bedeutung von Erwartungen für unsere Wahrnehmung. Über die genaue Umsetzung und Reichweite des Modells wird weiterhin geforscht.

